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Meine Sammlung - Alte Kinder- und Jugendliteratur

Wiederholung von Seite 1

Jos. Scholz-Mainz Verlag
Die über 175-jährige Geschichte des Verlages Jos. Scholz-Mainz stellt eine der bedeutendsten Chroniken des deutschen Kinder- und Jugendbuchwesens dar. Sie zeichnet eine Entwicklung nach, die von der handwerklichen Herstellung von Schreibutensilien bis hin zur technologisch und künstlerisch hochstehenden Produktion von „Künstler-Bilderbüchern“ und komplexen Spielwelten reicht.
1. Gründung und die Wiesbadener Wurzeln (1793–1829)
Gründung: Das Unternehmen wurde 1793 (gelegentlich 1796 genannt) von Joseph Scholz (1768–1813) und seiner Frau Adelburg in Wiesbaden gegründet. Joseph, Sohn eines Försters, kam im Zuge des Ersten Koalitionskrieges 1792 als preußischer Soldat nach Wiesbaden.
Anfängliches Geschäftsmodell: Zunächst agierte das Haus als Großhandlung für Papier- und Schreibwaren, wobei die Herstellung von Schreibfedern aus Gänsekielen einen Schwerpunkt bildete.
Expansion: 1818 erwarb die Witwe Adelburg das Cetto-Haus in Wiesbaden. 1820 wurde das Sortiment um Siegellack und eine Steindruckerei (Lithografie) erweitert, die anfangs Stadtpläne, Landschafts- und Genrebilder fertigte.
2. Christian Scholz: Spezialisierung und pädagogisches Ideal (1829–1880)
Unter Josephs Sohn, Christian Scholz (1806–1880), erfolgte die entscheidende Expansion und strategische Neuausrichtung auf Kindermedien.
Verlagerung nach Mainz: 1829 wurde eine Zweigniederlassung in Mainz errichtet. Nach einer Phase der gemeinschaftlichen Leitung mit seinem Bruder Anton wurde Christian 1835 Alleininhaber des Mainzer Hauses, während der Wiesbadener Standort später aufgegeben wurde.
Pionier des Kinderbuchs: Ab ca. 1840 profilierte sich Scholz als einer der ersten spezialisierten Kinder- und Jugendbuchverlage Deutschlands.
Programmatische Philosophie: Das 1849 erschienene Werk Mein Spielen ist Lernen! von August Eggers gab der Verlagsphilosophie ihren Namen: Die spielerische Erziehung durch ästhetisch anspruchsvolle Materialien.
Bibliophile Merkmale: Kennzeichnend waren handkolorierte Lithografien. Wichtige Werke dieser Ära sind Frühlingsblumen für die gebildete Jugend (1846) und das polyglotte The young friend's album (1849) mit Bildunterschriften in vier Sprachen. Seit 1837 gehörten auch Papiertheater zum Programm.
Struwwelpeter-Streit: Scholz verlor einen Prozess gegen Heinrich Hoffmann wegen des Nachdrucks des Struwwelpeters und musste eine hohe Geldstrafe zahlen.
3. Karl Scholz: Technologische Innovation und künstlerische Blüte (1880–1921)
Nach Christians Tod übernahm sein Sohn Karl Scholz (1846–1921) die Leitung und führte den Verlag zu einem ästhetischen Höhepunkt.
Die Erfindung der Algraphie: Karl Scholz erfand und patentierte 1892 die Algraphie (Aluminiumdruck), ein Flachdruckverfahren, das die Qualität der Buchillustrationen massiv steigerte und schwerfällige Lithosteine ersetzte.
Das „Künstler-Bilderbuch“: Der Verlag etablierte das Künstler-Bilderbuch als Qualitätsmarke und band Größen des Jugendstils ein. Ein Meilenstein war die Reihe Das deutsche Bilderbuch (ab 1904) mit Werken wie dem prachtvollen Marienkind von Heinrich Lefler und Josef Urban.
Nationale Ausrichtung: Mit den Mainzer Volks- und Jugendbüchern (ab 1908, hrsg. von Wilhelm Kotzde) und dem Vaterländischen Bilderwerk (1912) begann eine bewusste geistige Vorbereitung auf nationale Themen und den Ersten Weltkrieg.
4. Rudolf Scholz: Ideologische Anpassung und totale Militarisierung (1921–1945)
Rudolf Scholz (1880–1948) leitete den Verlag durch die Zeit der Weltkriege und passte das Programm ab den 1930er Jahren konsequent der NS-Ideologie an.
Militarisierung der Kinderstube: Das Sortiment wurde massiv um Kriegsspielzeug und kriegsverherrlichende Spiele wie Wir fahren gegen Engeland, Kampf und Sieg oder Klar zum Gefecht! erweitert.
Propaganda-Spiele: Es erschienen „Soldatenbogen“ zum Ausschneiden (z. B. Fallschirmjäger) und Quartettspiele wie Unsere Wehrmacht oder Unsere Luftwaffe, die offizielles Bildmaterial der NSDAP nutzten.
Künstlerische Hochphase: Trotz der Ideologisierung arbeiteten Spitzenillustratoren wie Lore Friedrich-Gronau (Alle Jahre wieder..., 1935), Else Wenz-Viëtor (Fingerhütchen) und Fritz Baumgarten für den Verlag.
Katastrophe: Rudolf Scholz verlor alle vier Söhne an der Front, darunter den Teilhaber Hans Joachim Scholz. Am 27. Februar 1945 wurde das Verlagshaus in Mainz samt Archiv vollständig zerstört.
5. Edith Scholz: Neuanfang und die „Heile Welt“ (1946–1970)
Edith Scholz, die Witwe des ältesten Sohnes, baute den Verlag 1946 in Wiesbaden unter dem Namen „Jos. Scholz-Mainz“ wieder auf.
Programmatische Wende: In Abkehr von der kriegerischen Vergangenheit konzentrierte man sich auf „Heile Welt“-Themen und Bestseller der Zwischenkriegszeit.
Große Erfolge: Ein wirtschaftlicher Neuanfang gelang mit der Kinderzeitschrift Die bunte Kiste (1946–1954) im charakteristischen quadratischen Format.
Ende der Eigenständigkeit: 1966 zog der Verlag zurück nach Mainz. 1970 wurde er an den Franz Schneider Verlag verkauft; heute liegen die Rechte bei der Egmont-Gruppe.
Analyse der künstlerischen Zusammenarbeit
Der Verlag zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Kontinuität in der Zusammenarbeit mit bedeutenden Künstlern aus:
Biedermeier: Antonio (A.) Fay (Illustrationen zu Frühlingsblumen) und Kathinka Zitz (Moralische Erzählungen).
Jugendstil: Heinrich Lefler & Josef Urban gestalteten das prachtvolle Marienkind (1904), Hans Thoma und Arpad Schmidhammer (Schöpfer zahlreicher Bilderbücher und Spiele aber auch Urheber von Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg). Eugen Osswald: Einer der wichtigsten Tiermaler und meistbeschäftigten Illustratoren des Hauses.
Künstler-Bilderbücher (1930–1945): Neben Friedrich-Gronau und Wenz-Viëtor prägten Fritz Baumgarten (Illustrierte über 500 Titel darunter viele Tiergeschichten) und Lia Doering (pädagogische ABC-Bücher) das visuelle Profil. Adolf Uzarski: Brachte moderne, teils gesellschaftskritische Töne in den Verlag (z. B. Zirkus Charlie Chaplin).
Nachkriegszeit: Fritz Westenberger (Künstlerische Leitung), Magda Heller und Brunhild Schlötter gestalteten den Neuanfang.
Auswertung des Spielesortiments
Als Vollsortimenter für die Kinderstube war Scholz führend in der Produktion von Spielwaren:
1. Quartette: Berühmt für Vielfalt (Märchen, Geografie, Sprachlehrspiele wie Do you speak English?) und inhaltliche Tiefe.
2. Puzzles: Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden kolorierte Lithografien auf Holz oder Pappe appliziert und zerschnitten.
3. Beschäftigungsmaterial: Ein massiver Schwerpunkt lag auf Ausschneide-, Aufstell- und Modellierbogen (z. B. Bauernhof, Flugfeld, Burgen) sowie Ankleidepuppen.
4. Kartenspiele: Klassiker wie Schwarzer Peter (in unzähligen Varianten) und das populäre Bimbo.
Die wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz betreut heute eine umfangreiche Sammlung des Verlages mit ca. 1100 Buchtiteln und hunderten von Spielen und Bilderbogen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jos. Scholz-Mainz die kindliche Erlebniswelt über Generationen durch einen hohen ästhetischen Standard und technologische Innovationen (Algraphie) prägte, dabei jedoch als Spiegel der Zeitgeschichte eine tiefgreifende Ambivalenz zwischen pädagogischem Ideal und politischer Instrumentalisierung (Militarisierung) aufweist.

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