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Meine Sammlung - Alte Kinder- und Jugendliteratur

Schaller Verlag, Fürth

Signum des Verlages

Die Geschichte des Schaller Verlages sowie die spätere Verflechtung mit den Vereinigten Kunstanstalten und dem arisierten Löwensohn- beziehungsweise Pestalozzi-Verlag bildet ein bedeutendes Kapitel der fränkischen Druck- und Bilderbuchindustrie von den 1880er Jahren bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.


1. Ursprünge und Gründung der OHG „Schaller & Kirn“ (1883/1884–1885)

Die Gründer: Karl (Carl) Friedrich Schaller wurde am 17. August 1846 in Ötisheim (Württemberg) als Sohn von Johann Wilhelm Schaller (1816–1899) und Johanna Susanna Jourdan (1822–1876) geboren. Er ließ sich als Kaufmann in Fürth nieder. Seine Familie stammte aus dem Spielwarengroßhandel.

Unternehmensgründung: Am 1. April 1884 gründete Carl Schaller gemeinsam mit dem Nürnberger Lithographen Hugo Kirn die offene Handelsgesellschaft (OHG) „Schaller & Kirn, Lithographische Kunstanstalt und Bilderbuchfabrik“ mit Sitz in Fürth. Erste Veröffentlichungen und geschäftliche Aktivitäten der Partner sind bereits ab 1883 nachgewiesen.

Vertretung und Aufgaben: Laut der amtlichen Bekanntmachung des Königlichen Amtsgerichts Fürth vom 1. April 1884 war Carl Schaller der alleinige zeichnungsberechtigte Unterzeichner der Firma. Schaller übernahm die kaufmännische, finanzielle und administrative Leitung, während Kirn für die künstlerischen, lithographischen und technischen Belange zuständig war.

Produktionsschwerpunkt: Die Firma spezialisierte sich auf hochwertige Chromolithographien sowie mechanische Zieh- und Verwandlungsbilderbücher (Movable Books), die teilweise gegen Aufpreis mit einem edlen Goldschnitt angeboten wurden. Als Firmenlogo diente ein stilisierter, ineinander verflochtener Schriftzug aus den Buchstaben „S“ und „K“.

Internationales Netz und Publikationen: Insgesamt wurden über 40 bewegliche Buchtitel der Firma identifiziert. Das Unternehmen agierte in einem europäischen Produktionsnetzwerk: Die Drucke, Stanzen und Nietmechanismen wurden häufig in Fürth gefertigt und für den Vertrieb im Ausland an Partnerverlage wie Dean & Son (London), A. Capendu (Paris) oder Antonio Vallardi (Mailand) geliefert.


Bedeutende Werke der S&K-Zeit:

Das goldene Buch / The Golden Book: Six Movable Pictures with Appropriate Verses for Well-Behaved Children (1885): Ein Prachtband im Stil mittelalterlicher Handschriften mit seltenen Goldfolien-Hintergründen.
Glückliche Kinder (1885, mit 5 beweglichen Tableaux): Erschien auf Englisch als Happy Children bei Dean & Son sowie auf Niederländisch als Spel en Scherts. Um Produktionskosten zu senken, wurden Exportmechanismen vereinfacht; so wurde etwa die Bewegung eines Ruderboots in der englischen Fassung dreifach artikuliert ausgeführt, in der niederländischen jedoch auf ein einfaches Schaukeln reduziert.
Große Wäsche / The Big Wash (1885): In Frankreich von A. Capendu als Grande Lessive herausgebracht.
Fabeln u. Lehren der Thiere / Fables and Anecdotes of Animals (1885).
Pleasant Hours (ca. 1883): Ein im Querformat gedrucktes Werk, das bislang ausschließlich in englischer Sprache nachgewiesen werden konnte.


2. Trennung der Partner und der weitere Weg von Hugo Kirn (ab 1885)

Auflösung der Partnerschaft: Ende 1885 schied Hugo Kirn aus dem gemeinsamen Geschäft aus. Wegen der kurzen Bestehenszeit der OHG von knapp zwei Jahren gab es kaum Neuauflagen, weshalb Bände mit dem Impressum Schaller & Kirn extrem selten sind.

Hugo Kirns spätere Firmen:

Kirn gründete in Nürnberg das Unternehmen Hugo Kirn & Company zur Herstellung ziehbarer Bilderbücher und Cartonnage-Spiele. Am 15. August 1888 verkaufte er diesen Betrieb an den Darmstädter Kaufmann Wilhelm Volkhardt, der die Firma laut Adressbuch von 1891 als „Volkhardt, Wilh., vormals Hugo Kirn & Co.“ in der Schanzäckerstraße 30 weiterführte. Am 24. Dezember 1892 gründete Kirn zusammen mit dem Kaufmann Richard Jautschus die Nürnberger Spielzeugfabrik Kirn & Jautschus als OHG. Privat heiratete Kirn Maria Fellner aus Thalmässing.


3. Die Ära der Bilderbücherfabrik Carl Schaller und Patente (1885–1919)

Umfirmierung und Standort: Carl Schaller führte den Betrieb als Alleininhaber weiter, registrierte ihn am 23. Dezember 1885 offiziell als „Bilderbogenfabrik Carl Schaller“ und verlegte den Sitz in die Königswarterstraße 8a in Fürth. Die Publikationen trugen Imprints wie Carl Schaller, C. Schaller oder Carl Schaller Bilderbücherfabrik Fürth O. J.. Das neue Logo bestand aus den ineinander verschlungenen Buchstaben „CS“. Carl Schaller war von 1884 bis 1933 als Fabrikant in Fürth gemeldet.

Eingetragene Patente und Schutzrechte (1902): Neben Bilderbüchern entwickelte Carl Schaller mechanische Erfindungen für Spielwaren. Im Februar 1902 meldete das Unternehmen Schutzrechte beim Kaiserlichen Patentamt an: Das Patent bzw. Gebrauchsmuster Nr. 138682 (Aktenzeichen Sch. 18291) vom 4. Februar 1902 für eine „Durch einen Magneten aufzuhebende Spielzeugfigur“. Das Aktenzeichen Sch. 18294 vom 3. Februar 1902 unter demselben Titel, welches im Deutschen Reichs-Anzeiger am 29. September 1902 bekanntgemacht wurde und bei dem bereits die Finkenstraße 6 in Fürth verzeichnet ist.

Wichtige Buchreihen und bibliographische Entdeckungen:

Fabeln von Jean de La Fontaine: Diese Reihe demonstriert Schallers Netzwerke. Während Favole con Figure Animate Libro I bei Antonio Vallardi in Mailand erschien, wies Libro II das Schaller-Monogramm „CS“ auf. Die französische Fassung erschien bei A. Capendu in Paris, und die englische Version Fables of La Fontaine (mit S&K-Kennzeichnung) nutzte die Mechanismen des italienischen Libro II mit dem Einband von Libro I.

Draai maar verder! ([ca. 1890]): Die Entdeckung dieser niederländischen Ausgabe mit „CS“-Monogramm löste das bibliographische Rätsel um das englische Volvelle-Drehscheibenbuch Turn Again! Turn Again! (Merrimack-Reprint 1980, markiert mit „Made in Germany 528/11“) auf. Das jahrzehntelang fälschlich Lothar Meggendorfer zugeschriebene Werk wurde dadurch Carl Schaller zugewiesen. Es wird im Standardwerk Lust en Leering von P.J. und L. Buijnsters-Smets als herausragendes Werk gewürdigt.

A Variety Show: Revolving Pictures for Young People (ca. 1885–1890, No. 603): Das einzig bekannte Softcover-Buch Schallers mit Volvelle-Drehscheibenmechanismen.

Weitere Titel aus Verzeichnissen und Anzeigen: u. a. Wer weiß? (1883), Muh! Muh! Muh! (1883), Kindergeschichte von Gubitz (1885), Sneewittchen (1885), Der Seiltänzer (1888), Was kommt nun? (1888), Jetzt geht’s los! Casperl-Theater (1890), Bunte Bilder für die Kleinen (1890), Das Wirtshaus im Spessart (1895) und Allerlei Abenteuer (1900).

Hintergrund des Vaters: Der Vater hatte 1885 eine kleine Kunstanstalt übernommen und diese unter dem Namen „Paul Schaller“ beziehungsweise „Carl Schaller“ zu einer Bilderbücher- und Spielefabrik aufgebaut.


Werksverzeichnis (unvollständig)








4. Johann Friedrich Schaller: 

Ausbildung, Offset-Pioniergeist und Firmenleitung (1911/1919–1928)

Herkunft und Ausbildung: Johann Friedrich Schaller wurde am 14. September 1880 beziehungsweise 14. Oktober 1880 in Fürth geboren. Er wuchs in den väterlichen Werkstätten auf. Er erlernte das Steindruckerhandwerk (Lithographie) in Nürnberg und studierte drei Semester an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien (Schwerpunkte Photochemigraphie und Lithographie). Praktische Erfahrungen sammelte er in Bayern, Württemberg, Stuttgart, Leipzig, Prag sowie mehrere Jahre in den USA als selbstständiger Druckereiphotograph.

Einführung des Offsetdrucks: Anfang 1911 lernte Friedrich Schaller in England den Offsetdruck kennen und führte das Verfahren im väterlichen Betrieb ein. Nach Überwindung großer technischer Hürden stellte er 1913 eine zweite große Offsetmaschine im Format 81 × 122 cm auf.

Generationswechsel und Kriegsdienst: Friedrich trat 1911/1912 als Partner in den Betrieb ein. Im Ersten Weltkrieg diente er als Unterleutnant bei den Kraftwagen- beziehungsweise Fliegertruppen und wurde dreimal verwundet. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1919 übernahm er zum 1. Januar 1919 die Alleininhaberschaft.

Exportblüte und Umzug: Unter seiner Leitung wurden Bilderbücher in bis zu 12 Sprachen verlegt. Bis 1926 verlegte er den Sitz der Kunstanstalt Carl Schaller komplett in die Finkenstraße 6 in Fürth.

Ehrenämter: Schaller war 10 Jahre lang Handelsrichter, 8 bis 9 Jahre Stadtrat in Fürth und Mitglied im Reichsverband der Spielwarenindustrie.

Letzte Werbeanzeige: 1931 schaltete die „Carl Schaller BilderBücher Und SpieleFabrik Fürth“ eine Anzeige in der Deutschen Spielwaren-Zeitung für Malbücher, Mosaikspiele, Gesellschaftsspiele, „Hela-Bastelkästen“ und den „Propeller-Wagen“ (Kasten Nr. 36) zur Leipziger Messe (Petershof V, Koje 552).


5. Exportkrise, Verkauf und Übergang an die Vereinigten Kunstanstalten (1928–1935/1970)

Wirtschaftlicher Niedergang: Die schwere deutsche Exportkrise nach 1928 traf den Betrieb hart. Friedrich Schaller musste seine Fabrik verkaufen und trat 1928 als technischer Betriebsleiter bei den Vereinigten Kunstanstalten (Kamag) ein.

Verlust des Stammbetriebs: Zwischen 1932 und 1934 verlor die Familie Schaller vollends die Kontrolle über das ursprüngliche Unternehmen. Neben der Finanznot spielten Repressalien des NS-Regimes eine Rolle, da Friedrichs Ehefrau Mina teilweise jüdischer Abstammung war.

Übernahme und Nachfolge-Firmierungen:

Um 1933/34 übernahmen die Vereinigten Kunstanstalten die Firma Carl Schaller. Ab 1935 firmierte das Unternehmen als Vereinigte Kunstanstalten Ludwig Senkeisen, G. Geck & Co., H. Dibbern & Schneller AG.
Ab 1951 hieß der Betrieb L. Senkeisen KG und blieb bis mindestens 1968 in der Produktion von Bilderbüchern und Spielen aktiv. Im Jahr 1970 wurde die Vereinigte Kunstanstalten schließlich im Handelsregister gelöscht.


6. Die Verbindung zum arisierten Löwensohn- und Pestalozzi-Verlag (1937–1939)

Kontext der „Arisierung“: Nach der Übernahme des jüdischen Druck- und Verlagsunternehmens G. Löwensohn beziehungsweise des Pestalozzi-Verlags durch die Kunstanstalten May AG (Dresden) suchte die Dresdner Leitung erfahrene Fachkräfte vor Ort in Fürth, um die komplexe Bilderbuch- und Druckproduktion ohne Unterbrechung fortzuführen. Friedrich Schaller galt als ausgewiesener Spezialist für Betriebsorganisation und moderne Offsetdruckverfahren.

Bewerbung: Am 3. Mai 1938 verfasste Schaller – nach einem Gespräch mit Direktor Talbert – ein ausführliches handschriftliches Bewerbungsschreiben an die Direktion der Kunstanstalten May AG in Dresden für eine Betriebsleiterstelle.

Geschäftsführung beim Pestalozzi-Verlag:

Am 1. September 1938 wurde Friedrich Schaller zum technischen Geschäftsführer der Fürther Zweigniederlassung des Pestalozzi-Verlags ernannt. Er trug die Verantwortung für die gesamte Fertigung (von der Reproduktion bis zum fertigen Produkt) und beaufsichtigte durchschnittlich 140 bis 150 Mitarbeiter. Als Gehalt wurden monatlich 500,00 Reichsmark (RM) brutto vereinbart (gefordert hatte er ursprünglich 600,00 RM plus Tantieme). Er arbeitete eng mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Emil Franke zusammen.

Rassenpolitische Spannungen und Kriegsausbruch: Im Juli 1938 wurde Schaller mit rassenpolitischen Gerüchten über die Abstammung seiner Frau Mina konfrontiert, gegen die ihn Emil Franke verteidigte. Von August bis Oktober 1939 leistete Schaller kurzen Militärdienst als Hauptmann d.R. ab und organisierte anschließend die Rohstoffbeschaffung im Rahmen der Kriegswirtschaft.

Vertragsende: Wegen Verlusten der Kunstanstalten May AG im Vorjahr beschloss die Dresdner Direktion im Mai 1939 Sparmaßnahmen. Schallers Vertrag wurde zum 30. November 1939 gekündigt. Das Ausscheiden erfolgte im „beiderseitigen Einvernehmen“ unter Ausstellung eines Zeugnisses, das ihm einen wertvollen Charakter und eine reibungslose Zusammenarbeit bescheinigte.

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