past children's  books
Meine Sammlung - Alte Kinder- und Jugendliteratur

Die Zwergbücherei „Der Märchenborn“

Eine bibliophile Kostbarkeit des Richard Walther Verlags, München


In den  frühen 1930er Jahren etablierte der Richard Walther Verlag in München mit der Reihe „Der Märchenborn“ ein besonderes Format auf dem deutschen Buchmarkt: Hochwertig illustrierte Miniaturbücher im Format von ca. 7 x 9,5 cm. Mit einem Umfang von jeweils 20 Seiten und originaler Klammerheftung waren diese Hefte als erschwingliche, ästhetisch anspruchsvolle Literatur für Kinderhände konzipiert.



Der Verlag: Richard Walther Verlag, München

Oft mit dem gleichnamigen Verlag in Konstanz verwechselt, zeichnete sich das Münchner Haus  durch eine Spezialisierung auf illustrierte Reihen und populäre Unterhaltungsliteratur aus. Der „Märchenborn“ gilt als das Herzstück seines Kinderbuchprogramms und dokumentiert den Übergang von klassischen Märchenstoffen zu modernen Erzählungen der Weimarer Zeit.

Das literarische Profil der Serie (20 Hefte)

Die Serie ist in drei thematische Blöcke unterteilt, was sie zu einem spannenden Spiegelbild der damaligen Pädagogik macht:

  1. Klassik (Hefte 1–5 & 11): Die Reihe startet mit den Volksmärchen der Brüder Grimm (u.a. Sneewittchen, Hänsel und Gretel) und Werken von H.C. Andersen.
  2. Moderne Märchen (Hefte 6–10, 12–14): Hier dominieren die fantastischen und einfühlsamen Erzählungen von Toni Rothmund. Titel wie Blumenhochzeit oder Der Tanzknopf wurden durch diese Reihe erst einem breiten Publikum bekannt.
  3. Moralische Erzählungen (Hefte 15–20): Den Abschluss bilden Klassiker der christlichen Jugendliteratur, allen voran von Christoph von Schmid (Das Vergißmeinnicht, Das Vogelnestchen), sowie Werke von Franziska von Kronoff.



Nr.1 - Sneewittchen

Verfasser: Gebrüder Grimm

Illustration: F.Schenkel

Nr.2 - Dornröschen, Gebr. Grimm, Franziska Schenkel



Nr.3 - Das tapfere Schneiderlein

Verfasser: Gebrüder Grimm

Illustration: F.Schenkel

Nr.4 - Hänsel und Gretel, Gebr. Grimm, Franziska Schenkel

Nr.5 - Rotkäppchen, Gebr. Grimm, Franziska Schenkel



Nr.6 - Blumenhochzeit

Verfasser: Toni Rothmund

Illustration: F.Schenkel

Nr.7 - Arthur, Toni Rothmund, Franziska Schenkel

Nr.8 - Arne, der Stammler, Toni Rothmund, Franziska Schenkel

Nr.9 - Der Frauenschuh, Toni Rothmund, Franziska Schenkel



Nr.10 - Der Tanzknopf

Verfasser: Toni Rothmund

Illustration: F.Schenkel



Nr.11 - Das häßliche junge Entlein

Verfasser: H.C.Andersen

Illustration: F.Schenkel

Nr.12 - Prinzeßchen Vogelfrei, Frieda von Kronoff, F.Schenkel



Nr.13 - Das Schutzengelchen

Verfasser: Frieda von Kronoff

Illustration: F.Schenkel



Nr.14 - Makronenfräulein

Verfasser: Frieda von Kronoff

Illustration: F.Schenkel

Nr.15 - Das Brückenmännchen, Frieda von Kronoff, F.Schenkel

Nr.16 - Das Vergißmeinnicht, Christoph von Schmid, F.Schenkel

Nr.17 - Das Johanniskäferchen, Christoph von Schmid, F.Schenkel

Nr.18 - Der Kuchen, Christoph von Schmid, F.Schenkel

Nr.19 - Johannes und Arkadius, Christoph von Schmid, F.Schenkel

Nr.20 - Das Vogelnestchen, Christoph von Schmid, F.Schenkel

Die Künstler & Autoren

Franziska Schenkel (Illustration)
Die visuelle Identität der gesamten Reihe liegt in den Händen von Franziska Schenkel.

  • Biografisches: Geboren 1880, gestorben 1945. Schenkel war eine deutsche Illustratorin, die vor allem in den 1920er Jahren für ihre feinen, detailreichen Federzeichnungen und Aquarelle bekannt war.
  • Stil: Ihr Stil vereint die Eleganz des späten Jugendstils mit einer kindgerechten, oft idyllischen Klarheit. Jedes Deckblatt der 20 Hefte ist ein eigenständiges Kunstwerk, das trotz des winzigen Formats eine enorme Tiefe und Atmosphäre erzeugt.

Toni Rothmund (Autorin)

  • Biografisches: Geboren 1877, gestorben 1956. Sie war eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen und Journalistinnen ihrer Zeit.
  • Bedeutung: Für den Walther Verlag verfasste sie zahlreiche Märchen, die sich durch eine besondere Naturverbundenheit auszeichneten. Ihre Beiträge zum „Märchenborn“ zählen heute zu den gesuchtesten Sammlerstücken der Reihe.

Christoph von Schmid (Autor)

  • Biografisches: 1768–1854, Domkapitular und bedeutender Jugendbuchautor.
  • Bedeutung: Seine Erzählungen (u.a. das berühmte Weihnachtslied Ihr Kinderlein, kommet) prägten Generationen. Dass der Walther Verlag seine Werke für das Ende der Reihe wählte, unterstreicht den pädagogischen Anspruch des Verlags.


Das Phänomen der „Zwergbüchereien“ in der Weimarer Republik


In der Zeit zwischen den Weltkriegen erlebte Deutschland eine Blütezeit der sogenannten Zwergbüchereien. In einer Ära wirtschaftlicher Umbrüche und der Hyperinflation suchten Verlage nach Wegen, hochwertige Literatur für jedermann erschwinglich zu machen. Miniaturformate wie der „Märchenborn“ des Richard Walther Verlags waren die Antwort auf dieses Bedürfnis.


Diese Heftchen, oft für nur wenige Pfennige am Kiosk, in Schreibwarenläden oder als Beigabe verkauft, waren weit mehr als bloße Massenware. Trotz ihrer geringen Größe von nur 7 x 9,5 cm legte der Münchner Verlag Wert auf eine künstlerische Ausstattung, die den großen Prachtausgaben jener Zeit in nichts nachstand.

Warum diese Hefte heute so selten sind:

Miniaturbücher dieses Typs wurden als „Gebrauchsliteratur“ für Kinder produziert. Sie wanderten in Schultaschen, wurden getauscht, bemalt und aufgrund ihrer zierlichen Beschaffenheit oft bis zur Unkenntlichkeit zerlesen. Während herkömmliche Bücher in Bibliotheken überdauerten, verschwanden diese fragilen Heftchen fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis.



Die hier präsentierte Dokumentation der vollständigen Serie von 20 Heften ist daher nicht nur für Sammler von Bedeutung, sondern stellt ein wichtiges Puzzlestück der deutschen Verlags- und Kindheitsgeschichte dar. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Autoren wie Toni Rothmund und Künstler wie Franziska Schenkel den kleinsten Lesern eine Welt voller Phantasie und Moral eröffneten.

Technische Besonderheiten und Erhaltung: Eine Herausforderung für Sammler

Die physische Beschaffenheit der „Märchenborn“-Hefte macht ihre Erhaltung über fast ein Jahrhundert hinweg zu einer Seltenheit. Wer heute ein Exemplar in Händen hält, sollte auf folgende technische Details achten:

Die fragile Klammerheftung:

Die Hefte wurden original mit einfachen Eisendrahtklammern geheftet. Nach fast 100 Jahren ist dieser Draht oft oxidiert („Klammerrost“). Dies führt nicht nur zu Verfärbungen am Papier, sondern kann das Material so stark schwächen, dass die mittleren Seiten ausbrechen. Exemplare ohne Rostspuren oder mit noch fest sitzenden Originalklammern sind bibliophile Ausnahmen.

Das Papier der Zwischenkriegszeit:

Aufgrund der Rohstoffknappheit in den 1920er Jahren wurde oft holzhaltiges Papier verwendet. Dieses neigt zur Säurebildung und wird mit der Zeit brüchig und dunkel. Dass die Illustrationen von Franziska Schenkel auf diesem Material ihre Leuchtkraft behalten haben, spricht für eine damals dennoch sorgfältige Drucklegung durch den Richard Walther Verlag.

Der originale Umschlag:

Die farbigen Deckblätter sind meist aus einem nur geringfügig stärkeren Papier als der Innenteil gefertigt. Da die Hefte oft ohne zusätzlichen Schutzrücken in Kinderhände gelangten, sind Knicke, „Eselsohren“ oder Fehlstellen an den Ecken die Regel. Ein rissfreier Umschlag steigert den Sammlerwert erheblich.

Hinweis für die Aufbewahrung:

Um diese Zeitzeugen der Münchner Verlagsgeschichte für die Zukunft zu sichern, empfiehlt sich eine Lagerung in säurefreien Schutzhüllen oder speziellen Archivboxen, fern von direktem Sonnenlicht, um das Ausbleichen der Schenkel-Illustrationen zu verhindern.



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