Die Zwergbücherei „Der Märchenborn“
Eine bibliophile Kostbarkeit des Richard Walther Verlags, München
Der Verlag: Richard Walther Verlag, München
Oft mit dem gleichnamigen Verlag in Konstanz verwechselt, zeichnete sich das Münchner Haus durch eine Spezialisierung auf illustrierte Reihen und populäre Unterhaltungsliteratur aus. Der „Märchenborn“ gilt als das Herzstück seines Kinderbuchprogramms und dokumentiert den Übergang von klassischen Märchenstoffen zu modernen Erzählungen der Weimarer Zeit.
Das literarische Profil der Serie (20 Hefte)
Die Serie ist in drei thematische Blöcke unterteilt, was sie zu einem spannenden Spiegelbild der damaligen Pädagogik macht:
- Klassik (Hefte 1–5 & 11): Die Reihe startet mit den Volksmärchen der Brüder Grimm (u.a. Sneewittchen, Hänsel und Gretel) und Werken von H.C. Andersen.
- Moderne Märchen (Hefte 6–10, 12–14): Hier dominieren die fantastischen und einfühlsamen Erzählungen von Toni Rothmund. Titel wie Blumenhochzeit oder Der Tanzknopf wurden durch diese Reihe erst einem breiten Publikum bekannt.
- Moralische Erzählungen (Hefte 15–20): Den Abschluss bilden Klassiker der christlichen Jugendliteratur, allen voran von Christoph von Schmid (Das Vergißmeinnicht, Das Vogelnestchen), sowie Werke von Franziska von Kronoff.
Nr.1 - Sneewittchen Verfasser: Gebrüder Grimm Illustration: F.Schenkel | Nr.2 - Dornröschen, Gebr. Grimm, Franziska Schenkel | Nr.3 - Das tapfere Schneiderlein Verfasser: Gebrüder Grimm Illustration: F.Schenkel | Nr.4 - Hänsel und Gretel, Gebr. Grimm, Franziska Schenkel |
Nr.5 - Rotkäppchen, Gebr. Grimm, Franziska Schenkel | Nr.6 - Blumenhochzeit Verfasser: Toni Rothmund Illustration: F.Schenkel | Nr.7 - Arthur, Toni Rothmund, Franziska Schenkel | Nr.8 - Arne, der Stammler, Toni Rothmund, Franziska Schenkel |
Nr.9 - Der Frauenschuh, Toni Rothmund, Franziska Schenkel | Nr.10 - Der Tanzknopf Verfasser: Toni Rothmund Illustration: F.Schenkel | Nr.11 - Das häßliche junge Entlein Verfasser: H.C.Andersen Illustration: F.Schenkel | Nr.12 - Prinzeßchen Vogelfrei, Frieda von Kronoff, F.Schenkel |
Nr.13 - Das Schutzengelchen Verfasser: Frieda von Kronoff Illustration: F.Schenkel | Nr.14 - Makronenfräulein Verfasser: Frieda von Kronoff Illustration: F.Schenkel | Nr.15 - Das Brückenmännchen, Frieda von Kronoff, F.Schenkel | Nr.16 - Das Vergißmeinnicht, Christoph von Schmid, F.Schenkel |
Nr.17 - Das Johanniskäferchen, Christoph von Schmid, F.Schenkel | Nr.18 - Der Kuchen, Christoph von Schmid, F.Schenkel | Nr.19 - Johannes und Arkadius, Christoph von Schmid, F.Schenkel | Nr.20 - Das Vogelnestchen, Christoph von Schmid, F.Schenkel |
Die Künstler & Autoren
Franziska Schenkel (Illustration)
Die visuelle Identität der gesamten Reihe liegt in den Händen von Franziska Schenkel.
- Biografisches: Geboren 1880, gestorben 1945. Schenkel war eine deutsche Illustratorin, die vor allem in den 1920er Jahren für ihre feinen, detailreichen Federzeichnungen und Aquarelle bekannt war.
- Stil: Ihr Stil vereint die Eleganz des späten Jugendstils mit einer kindgerechten, oft idyllischen Klarheit. Jedes Deckblatt der 20 Hefte ist ein eigenständiges Kunstwerk, das trotz des winzigen Formats eine enorme Tiefe und Atmosphäre erzeugt.
Toni Rothmund (Autorin)
- Biografisches: Geboren 1877, gestorben 1956. Sie war eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen und Journalistinnen ihrer Zeit.
- Bedeutung: Für den Walther Verlag verfasste sie zahlreiche Märchen, die sich durch eine besondere Naturverbundenheit auszeichneten. Ihre Beiträge zum „Märchenborn“ zählen heute zu den gesuchtesten Sammlerstücken der Reihe.
Christoph von Schmid (Autor)
- Biografisches: 1768–1854, Domkapitular und bedeutender Jugendbuchautor.
- Bedeutung: Seine Erzählungen (u.a. das berühmte Weihnachtslied Ihr Kinderlein, kommet) prägten Generationen. Dass der Walther Verlag seine Werke für das Ende der Reihe wählte, unterstreicht den pädagogischen Anspruch des Verlags.
Das Phänomen der „Zwergbüchereien“ in der Weimarer Republik
Warum diese Hefte heute so selten sind:
Miniaturbücher dieses Typs wurden als „Gebrauchsliteratur“ für Kinder produziert. Sie wanderten in Schultaschen, wurden getauscht, bemalt und aufgrund ihrer zierlichen Beschaffenheit oft bis zur Unkenntlichkeit zerlesen. Während herkömmliche Bücher in Bibliotheken überdauerten, verschwanden diese fragilen Heftchen fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis.
Die physische Beschaffenheit der „Märchenborn“-Hefte macht ihre Erhaltung über fast ein Jahrhundert hinweg zu einer Seltenheit. Wer heute ein Exemplar in Händen hält, sollte auf folgende technische Details achten:
Die fragile Klammerheftung:
Die Hefte wurden original mit einfachen Eisendrahtklammern geheftet. Nach fast 100 Jahren ist dieser Draht oft oxidiert („Klammerrost“). Dies führt nicht nur zu Verfärbungen am Papier, sondern kann das Material so stark schwächen, dass die mittleren Seiten ausbrechen. Exemplare ohne Rostspuren oder mit noch fest sitzenden Originalklammern sind bibliophile Ausnahmen.
Das Papier der Zwischenkriegszeit:
Aufgrund der Rohstoffknappheit in den 1920er Jahren wurde oft holzhaltiges Papier verwendet. Dieses neigt zur Säurebildung und wird mit der Zeit brüchig und dunkel. Dass die Illustrationen von Franziska Schenkel auf diesem Material ihre Leuchtkraft behalten haben, spricht für eine damals dennoch sorgfältige Drucklegung durch den Richard Walther Verlag.
Der originale Umschlag:
Die farbigen Deckblätter sind meist aus einem nur geringfügig stärkeren Papier als der Innenteil gefertigt. Da die Hefte oft ohne zusätzlichen Schutzrücken in Kinderhände gelangten, sind Knicke, „Eselsohren“ oder Fehlstellen an den Ecken die Regel. Ein rissfreier Umschlag steigert den Sammlerwert erheblich.
Hinweis für die Aufbewahrung:
Um diese Zeitzeugen der Münchner Verlagsgeschichte für die Zukunft zu sichern, empfiehlt sich eine Lagerung in säurefreien Schutzhüllen oder speziellen Archivboxen, fern von direktem Sonnenlicht, um das Ausbleichen der Schenkel-Illustrationen zu verhindern.












